Leukämie: CAR T-Zell-Therapie Herstellung und Anwendung der CAR T-Zell-Therapie Prof. Claudia Rössig, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin – Pädiatrische Hämatologie und Onkologie im UKM, gehört dem Beirat von Herzenswünsche e.V. an. In Deutschland erkranken jährlich etwa 2.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren an Krebs. Die Leukämie ist dabei mit rund einem Drittel der Fälle die häufigste Krebsart in dieser Altersgruppe. Die Heilungschancen sind in den ver- gangenen Jahr zehnten deutlich gestiegen: Bei der häufigsten Form, der akuten lymphoblas tischen Leukämie (ALL), können heute durch intensive Therapie etwa 90 Prozent der betroffenen Kinder geheilt werden. Im Universitätsklinikum Müns- ter (UKM) entwickelt Prof. Dr. Claudia Rössig sogenannte „CAR T-Zell-Therapien“ für an Krebs erkrankte Kinder. Das UKM gehört zu den führenden Zentren für diese hochspezialisierte Behandlung in Deutschland. Frau Prof. Rössig, als Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin – Pädiatrische Hämatologie und Onkologie des UKM sind Sie eine international anerkannte Expertin für die CAR T-Zell- Therapie. Wie genau funktioniert sie? Die CAR T-Zell-Therapie ist ein innovatives Behandlungsverfahren, bei dem das eigene Immunsystem des Kindes so „umprogram- miert“ wird, dass es Krebszellen selbst stän - dig erkennt und vernichtet. Sie wird bisher vor allem bei akuter lymphoblastischer Leu- kämie (ALL) eingesetzt. Man kann sich die Therapie wie eine gezielte Abrichtung der körpereigenen Abwehr vorstellen: Unsere körpereigenen Blutzellen, die T-Zellen, sind eine der wichtigsten Waffen unseres Immun- systems gegen Krankheitserreger. Tumor- und Leukämiezellen erkennen sie jedoch normalerweise nicht. Bei der Herstellung von CAR T-Zellen im Labor werden T-Zellen so verändert, dass sie die Krebszellen im Körper aufspüren und zerstören können: CAR T-Zellen erhalten eine Art „Greifarm“, den CAR-Rezeptor, der genau auf ein Merk- mal der Leukämiezellen passt. Das Kind erhält diese Zellen als kurze Infusion nach einer vergleichsweise milden, kurzen Chemotherapie und wird dann sorg- fältig überwacht. Nach der Gabe tritt oft Fie- ber auf – ausgelöst durch den Angriff der CAR T-Zellen auf die Leukämiezellen. Um ei- ner zu starken Fieberreaktion frühzeitig ent- gegenwirken zu können, bleibt das Kind nach der Infusion rund 10 Tage in der Klinik. Wann setzen Sie diese Therapie ein? Die CAR T-Zell-Therapie ist noch sehr neu und wird deshalb bisher vor allem als „Ret- tungstherapie“ eingesetzt, wenn die Leukä- mie trotz der Standardtherapie mit Chemo- therapie oder Stammzelltransplantation wie- der zurückgekommen ist. Wir können damit heute viele Kinder heilen, die sonst an ihrer Leukämie gestorben wären. Hat die CAR T-Zell-Therapie Folgen? Solange die CAR T-Zellen im Körper aktiv sind, oft viele Jahre oder vielleicht sogar lebenslang, kommt es zu einem Verlust auch von B-Zellen. Das sind gesunde Zellen, die dasselbe Erkennungsmerkmal für CAR T-Zel- len tragen wie die Leukämiezellen. B-Zellen sind ein Teil des Abwehrsystems und bilden Antikörper, sogenannte Immunglobuline. Wir kontrollieren deshalb die Blutwerte engma- schig und geben den Kindern alle paar Wo- chen Immunglobulin-Infusionen. Damit kann das Fehlen von B-Zellen gut kompensiert werden. Was erhoffen Sie sich für die Zukunft? Therapie auch bei anderen Krebserkran- kungen eingesetzt werden? Leider werden auch mit der CAR T-Zell-The- rapie nicht alle Kinder mit Leukämie gesund, sodass wir die Behandlung noch verbessern müssen. Unser Ziel ist dabei nicht nur die Heilung der Leukämie, sondern auch die Vermeidung von Spätfolgen klassischer The- rapien, insbesondere der Stammzelltrans- plantation. Die CAR T-Zell-Therapie kann da- zu beitragen, die langfristige Lebensqualität der Kinder zu verbessern. Zudem forschen wir und andere Kin- deronkologen weltweit intensiv an der Wei- terentwicklung der CAR T-Zell-Therapie auch für solide Tumoren, also z.B. Knochen- und Weichteiltumoren oder Tumoren des Ner- vensystems. In einer klinischen Studie, die auch Herzenswünsche e.V. finanziell unter- stützt, prüfen wir zurzeit die Sicherheit und Wirksamkeit eines ganz neuen, in seiner Wir- kung noch verstärkten CAR T-Zell-Produkts bei solchen Erkrankungen. Wir sehen erste Hinweise, dass CAR T-Zellen auch solide Tu- moren wirkungsvoll bekämpfen können, aber die Struktur des Tumorgewebes macht es ihnen sehr schwer, tief einzudringen und den Tumor zu zerstören. Jetzt arbeiten wir an Strategien, wie die T-Zellen diese schüt- zenden Barrieren solider Tumoren besser durchbrechen können.